Der Sand ist nass und kalt unter meinen Stiefeln. Er knirscht nicht, er seufzt nur leise, wenn ich das Gewicht verlagere. Ich stehe hier, wo die letzte Welle des Sturms von gestern Nacht ihre Spur hinterlassen hat. Die Sonne kämpft sich gerade durch diesen grauen, schweren Himmel, wirft ein kaltes, gleißendes Licht auf das aufgewühlte Meer. Es ist diese Stunde, in der die Welt noch nicht ganz wach ist, und ich bin allein. Wie so oft.
Ich rieche Salz, Jod und etwas Moderiges, Altes, das der Ozean immer wieder ausspuckt. Es ist ein ehrlicher Geruch, unverblümt. Die Gischt peitscht gegen die Felsen da drüben, diese dunkle, zähe Masse, die sich gegen alles stemmt. Das Geräusch ist ein tiefes, konstantes Rauschen, ein Bass, der alles andere übertönt. Es ist kein beruhigendes Geräusch, eher eine Mahnung.
Mein Blick fällt auf diese alten Holzpfähle, die wie gebrochene Zähne aus dem Sand ragen. Sie sind grau, vom Meerwasser ausgewaschen, und halten diese morsche Planke fest, die ins Nichts führt. Was haben die schon alles gesehen? Wie oft hat das Wasser sie schon umspült, sie fast mitgerissen? Sie stehen da, stur, ein bisschen lächerlich vielleicht, aber sie stehen. Ich mag das.
Ich stecke die Hände tief in die Taschen meiner Jacke. Der Wind ist scharf, er zieht durch den Stoff, aber ich spüre die Kälte nicht wirklich. Es ist mehr ein Gefühl von Klarheit. Der Kopf ist leer, endlich. Keine Termine, keine Stimmen, nur das Meer und ich. Das ist mein Ding, diese Einsamkeit. Manchmal braucht man das, um wieder klarzukommen.
Die Wellen schlagen jetzt gegen die Pfähle, das Wasser schäumt weiß auf, fast wie ein wütendes Tier. Es ist ein Kampf, den man nicht gewinnen kann, aber man kann zusehen. Und in diesem Moment, in diesem stillen, lauten Chaos, fühle ich mich nicht verloren. Ich bin einfach da. Und das ist genug.
Ich atme tief ein. Der Geschmack von Salz liegt auf den Lippen. Ich weiß, in einer Stunde ist der Spuk vorbei, die Sonne wird gewinnen, und die ersten Leute kommen. Aber jetzt gehört dieser Strand mir. Und das ist verdammt gut. Ich drehe mich um, lasse die Pfähle und das tobende Wasser hinter mir. Weitergehen. Immer weiter. Das ist die einzige Regel.
