Als Paul die Augen öffnete, war das Zimmer schon gegen ihn. Das Licht, das durch die Gardine sickerte, hatte die Farbe von abgestandenem Spülwasser, und irgendwo in der Wand tickte etwas, das keine Uhr war. Sein Wecker lag auf dem Boden, verstummt wie ein erschossenes Tier. 7:43. Er hätte um sieben im Büro sein müssen. Natürlich. Der Tag hatte also bereits eine Leiche.
Er sprang aus dem Bett und trat in etwas Nasses. Die Zimmerpflanze hatte sich in der Nacht entschlossen, Selbstmord zu begehen, und der Blumentopf war zersprungen. Erde klebte an seinen Füßen wie schlechte Nachrichten. In der Küche wartete die nächste kleine Apokalypse: Die Kaffeemaschine hatte übergekocht und eine schwarze, bittere Brühe über die Arbeitsplatte geschickt, als hätte sie beschlossen, endlich ehrlich zu werden. Kein Kaffee. Keine Milch. Nur ein halber Apfel mit braunem Fleisch, der aussah, als hätte ihn die Zeit selbst angebissen.
Paul fluchte, zog das erstbeste Hemd an — falsch herum, wie er erst später bemerkte — und griff nach seinem Handy. Drei Prozent Akku. Zwölf verpasste Anrufe. Eine Nachricht vom Chef: „Wenn Sie heute noch auftauchen, bringen Sie wenigstens eine Erklärung mit.“
Als wäre eine Erklärung je irgendetwas gerettet hätte.
Draußen empfing ihn der Regen mit der Intimität einer Ohrfeige. Die Straße glänzte wie ein frisches Verbrechen. Ein Bus fuhr ihm vor der Nase weg, beinahe feierlich, als hätte der Fahrer extra gewartet, bis Paul an der Haltestelle stand, um ihm noch einmal die Mechanik des Universums zu demonstrieren: Du kommst immer eine Sekunde zu spät.
Also ging er zu Fuß. Die Stadt rauchte im Morgenlicht, müde und bösartig. Aus einer Bäckerei wehte der Duft von warmem Brot, doch als er hineinstürzte, um wenigstens irgendeine Form von Trost zu kaufen, tastete er in seine Taschen und fand nur ein altes Ticket, zwei Büroklammern und einen Knopf. Sein Portemonnaie lag natürlich zu Hause. Oder in einem Paralleluniversum, in dem Menschen ihr Leben im Griff hatten.
Die Verkäuferin sah ihn an, als wäre er eine Fußnote des Elends. „Sonst noch was?“
Ja, dachte Paul. Ein neues Nervensystem. Eine Pause von der Schwerkraft. Eine Kindheit ohne Montage. Stattdessen lächelte er dünn, dieses erbärmliche Erwachsenengesicht, und sagte: „Nein. Danke.“
Als er schließlich das Büro erreichte, völlig durchnässt, öffnete sich die automatische Tür nicht. Er trat näher. Nichts. Dann sah er den Zettel, schief an das Glas geklebt:
Wegen Wasserschaden heute geschlossen.
Paul blieb im Regen stehen und begann zu lachen. Nicht laut. Eher wie jemand, der irgendwo tief in sich eine Schraube fallen hört.
Der desaströse Morgen war damit nicht vorbei. Aber er war vollkommen geworden. Und in dieser Vollkommenheit lag etwas fast Zärtliches: Die Welt wollte nichts von ihm. Heute nicht. Vielleicht nie. Er drehte sich um, steckte die Hände in die nassen Taschen und ging die Straße wieder hinunter, als wäre er endlich zu spät für das richtige Leben.
