Leseprobe aus Die Farben von Montmartre

Der Regen hatte gerade aufgehört, als er die letzten Stufen hinaufstieg. Das Pflaster glänzte, als hätte jemand die ganze Straße mit einem grauen Tuch poliert. Über den Dächern hing noch feiner Dunst, und dort oben, fast unwirklich im hellen Morgen, zeichnete sich die Kuppel von Sacré-Cœur ab wie eine Erinnerung, die zu lange in der Sonne gelegen hatte.

Er blieb stehen, mehr aus Gewohnheit als aus Müdigkeit, und sah über den Platz. Nichts an Montmartre war je wirklich still. Selbst wenn niemand sprach, schien etwas in Bewegung zu sein – Licht, das über Mauern wanderte, ein Fensterflügel, der nicht ganz schloss, eine Katze, die aus einem Hof schoss, ein Geräusch von Porzellan aus einem Café, das noch gar nicht geöffnet haben konnte. Paris hatte seine eigene Art, einen Menschen zu empfangen: nicht herzlich, nicht abweisend, eher so, als würde die Stadt prüfen, ob man wirklich zurückgekommen war.

Er zog den Kragen seiner Jacke höher. Die Luft roch nach Stein, Kaffee und dieser schwer erklärbaren Mischung aus Staub und Feuchtigkeit, die alte Städte nur am Morgen tragen. Er hatte geglaubt, sich an diesen Geruch nicht mehr erinnern zu können. Aber Erinnerung war ein listiges Tier. Sie lag nicht dort, wo man sie suchte. Sie wartete in Treppenhäusern, in nassen Straßen, im Klang eines Schritts hinter sich.

Seit drei Tagen war er wieder in Paris, und noch immer hatte er niemandem davon erzählt. Nicht aus Absicht. Eher, weil Worte sofort alles festgelegt hätten. Ein Besuch. Eine Rückkehr. Ein Irrtum. Ein Neuanfang. Er wusste selbst nicht, welches dieser Worte das richtige gewesen wäre, also hatte er keines davon benutzt.

Vor dem kleinen Café an der Ecke standen noch die Stühle auf den Tischen. Die Markise tropfte. Im beschlagenen Fenster spiegelte sich die Straße, unscharf und beinahe schön. Früher hatte er dort oft gesessen, stundenlang, mit einem Notizbuch vor sich, das mehr leere als beschriebene Seiten kannte. Er hatte Menschen betrachtet und so getan, als wäre Beobachten schon eine Form von Leben. Manchmal hatte er auf sie gewartet.

Er sagte ihren Namen nicht laut. In Paris war selbst Schweigen voller Echo.

Ein Lieferwagen rumpelte vorbei. Irgendwo schlug eine Tür. Aus einer Seitenstraße kam eine Frau mit einem Korb unter dem Arm, als wäre sie aus einer älteren Zeit übrig geblieben. Für einen Moment war alles so genau an seinem Platz, dass er den seltsamen Gedanken hatte, die Stadt hätte auf ihn gewartet und gleichzeitig vollkommen ohne ihn weiterexistiert.

Er ging weiter, langsam, beinahe widerwillig. Die Häuser rückten enger zusammen, die Fassaden waren abgeblättert, die Fensterläden schief, und doch lag in allem eine Würde, die neuere Straßen nie besaßen. Montmartre war nicht schön im makellosen Sinn. Es war ein Ort der Risse, der abgetretenen Kanten, der Dinge, die ein wenig müde und gerade deshalb wahr wirkten.

An der Mauer unterhalb der Treppe blieb er erneut stehen. Jemand hatte dort mit blauer Kreide ein halbes Gesicht gezeichnet. Nur ein Auge, ein angedeuteter Mund, ein paar Linien, die im Regen verlaufen waren. Das Bild hätte nichts bedeuten müssen. Aber genau darin lag die Gefahr dieser Stadt: Sie machte aus allem ein Zeichen, sobald man nur lange genug hinsah.

Er dachte an den Brief in seiner Manteltasche.

Das Papier war weich vom vielen Falten. Er hätte ihn wegwerfen können. Schon in der ersten Nacht. Oder auf dem Bahnhof. Oder im Hotelzimmer, als er minutenlang auf die vergilbte Tapete gestarrt hatte, statt das Fenster zu öffnen. Aber er hatte ihn behalten, wie man Dinge behält, die unbequem geworden sind und gerade deshalb Macht über einen haben.

Es war kein langer Brief gewesen. Nur wenige Zeilen. Keine Erklärungen. Keine Vorwürfe. Nicht einmal eine Bitte. Nur eine Adresse in Montmartre, ein Datum und der eine Satz, der ihn seit Wochen begleitete wie ein Schritt im Rücken:

Manche Farben sieht man erst wieder, wenn man zurückgeht.

Er hatte den Satz anfangs für prätentiös gehalten. Dann für grausam. Danach für falsch. Und nun, während das Licht langsam stärker wurde und die Steine der Straße zu dampfen begannen, wusste er nicht einmal mehr, ob der Satz überhaupt an ihn gerichtet gewesen war oder an den Mann, der er einmal gewesen war.

Vor einem geschlossenen Atelierfenster blieb er stehen. Hinter dem Glas lehnten Leinwände gegen die Wand, manche nur grundiert, manche mit ersten Farbfeldern, als seien sie unterwegs angehalten worden. Eine davon trug ein helles Grau, das fast weiß war, und darüber einen gebrochenen Goldton, der ihn an späten Herbst erinnerte. Er wusste nicht, warum gerade dieses Bild ihn traf. Vielleicht, weil es unfertig war. Vielleicht, weil es aussah wie etwas, das man nur lieben konnte, solange es noch nicht vollendet war.

Er hob die Hand, ohne es zu merken, und berührte die kalte Scheibe.

„Sie sind zu früh.“

Die Stimme kam von schräg hinter ihm. Er drehte sich um.

Die Frau im Eingang des Hauses neben dem Atelier hielt einen Schlüsselbund in der Hand und musterte ihn mit dieser Pariser Mischung aus Wachheit und Gleichgültigkeit, die zugleich höflich und unnahbar wirkte. Ihr Mantel war dunkel, ihr Haar vom feuchten Morgen leicht gelockt. Nichts an ihr war auffällig – und doch war sie in diesem Augenblick das Einzige, das scharf umrissen schien.

„Zu früh wofür?“, fragte er.

Sie sah kurz auf seine Manteltasche. Es war nur ein Blick, aber er wusste sofort, dass sie den Brief meinte. Oder wusste, dass es einen gab. Vielleicht stand es ihm ins Gesicht geschrieben. Vielleicht war Montmartre kleiner, als er gehofft hatte.

„Für Antworten“, sagte sie. „Am Morgen bekommt man hier nur Licht. Das reicht den meisten schon.“

Fast hätte er gelacht. Stattdessen nickte er, als hätte er verstanden.

Sie schloss die Tür auf, hielt inne und sah noch einmal zu ihm zurück.

„Aber für Erinnerungen“, sagte sie leiser, „ist es nie zu früh.“

Dann verschwand sie im Haus.

Er blieb stehen, mitten auf dem nassen Pflaster, während über den Dächern das Licht langsam wärmer wurde. Auf einmal hatte er das seltsame Gefühl, nicht am Anfang einer Reise zu stehen, sondern in ihrem Innersten. Als wäre er nicht nach Montmartre gekommen, um etwas wiederzufinden, sondern um endlich zu erkennen, was er all die Jahre mit sich herumgetragen hatte.

Die Straße vor ihm stieg weiter an, schmal, glänzend, still genug für einen Entschluss.

Er zog den Brief aus der Tasche, sah auf die Adresse und ging los.

 

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Die Farben von Montmartre entführt in ein Paris voller Licht, Erinnerung und leiser Sehnsucht – ein Roman über die Spuren, die Orte und Menschen in uns hinterlassen.

Blogbeiträge

Die Farben von Montmartre

Kunst, Atmosphäre, Erinnerung

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Die Farben von Montmartre: Für wen ist dieser Roman gemacht?

 

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